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Tanz ohne den Teufel

Studierende haben die Schwarze Szene untersucht
 Tanz ohne den Teufel
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Die Gesichter kalkweiß, die Augen schwarz geschminkt und um den Hals eine Fledermaus, einen Drachen oder gar ein umgedrehtes Kreuz. Die Ästhetik der Gothics ist auch 20 Jahre nach dem Entstehen der Schwarzen Szene - damals nannten sie sich noch Waves - für viele Menschen nicht oder nur schwer zu verstehen. Angehende Religionswissenschaftler(innen) der Uni Bayreuth haben es versucht.

„Gothics“ nennen sie sich meist nur selbst, als „Schwarzkittel“ titulieren sie weniger gut gesonnene Mitbürger und zarte Gemüter halten sie gar für Satanisten. „Satanismus, rechte Gesinnung und Todessehnsucht - wie gefährlich ist die Schwarze Szene?“, lautete entsprechend ein Vortrag von Studis der Uni Bayreuth.

Die angehenden Religionswissenschaftler(innen) Jenny Prieser, Raphaela Zieger, Cornel Ahlers und Ricarda Schmidt luden in die Katholische Erwachsenenbildung ein, um über die „gefährliche Jugendkultur“ aufzuklären. Keine Aufklärung ohne Spiel mit Vorurteilen, und die schwingen nicht nur in der Einladung mit, sondern werden in den Medien transportiert.

Vom schrillen Fernsehspektakel um die „Satansmörder von Witten“ hat sich die Schwarze Szene bis heute nicht erholt. Die Eheleute Ruda wurden zwar bereits vor zwei Jahren in die geschlossene Psychiatrie für Straftäter gesteckt, doch durch sie wurde der Jugend-Satanismus zum öffentlichen Thema und zum Fluch für die Schwarze Szene.

Dabei finden sich unter den Schwarzen-Szene-Gängern nur wenig schwarze Schafe. „Die“ Schwarze Szene besteht vor allem aus düster gekleideten jungen Leuten, die melancholische Stimmungen pflegen, manchmal Horror-Erlebnisse lieben und Musik namens Darkwave, Wave, Gothic, Gothic-Metal oder Death-Metal hören. Was zwar Geschmackssache ist, aber weder gefährlich noch satanistisch.

Beobachtung ist schwierig

Mehr lieferte auch der so genannte Aufklärungsabend in Bayreuth nicht: Das Treiben von praktizierenden Satanisten ist schwierig, eher unmöglich zu beobachten, allein schon aus strafrechtlichen Gründen. Eine homogene Schwarze Szene, so erkannten die Religionswissenschaftler, gibt es nicht und von einer gefährlichen Szene zu sprechen, sei schlicht übertrieben.

Weil die Studenten, alle zwischen 21 und 25 Jahre alt, dicht an der Realität forschen wollten, befragten sie einige aus dem schwarzen Volk aus Bayreuth und Umgebung. Ein schwarzes Schaf fand sich nicht. Doch stellte sich durch diese Methode der empirischen Sozialforschung immerhin heraus, dass die schwarz Gewandeten vor allem eines sind: anders.

Einige Gothics dekorieren ihre Zimmer mit Kerzen, Totenköpfen und Bildern von Beerdigungen. Meist, so wurde vorgetragen, seien die Gothics gebildet und belesen. Neben dem - nur in Einzelfällen vermutetem - Interesse am Satanismus, finden sich auch Ideen zum Neuheidentum oder zum Rechtsradikalismus.

Es gibt eine Initiative „Grufties gegen Rechts“. Aber die meisten sind nicht politisch interessiert, lassen sich von schaurig mystischen Götterkulten aus der keltischen Vergangenheit faszinieren, tragen schwarze Kleider mit Spitzen-Dekolleté und treffen sich nachts an angeblichen Kultplätzen.

Engagierte Diskussion

„Ich weiß, dass die Gothics ein Mal im Jahr in der Eremitage frühstücken“, klärt einer aus dem Publikum auf. In einer engagierten Diskussion will das Publikum vor allem eines: vorurteilsfrei die Schwarze Szene als friedliche Protestkultur sehen. Man sei tolerant, so der gemeinsame Nenner. Offen genug, um sich auch kritischen Fragen zu stellen, allerdings nicht. Dass diese Jugendkultur - ähnlich wie Fußball oder andere Fankulturen - auch als Ersatzreligion dienen kann, lehnen die angehenden Religionswissenschaftler, allesamt gläubig im christlichen Sinne, ab. Auch die Nähe zum Satanismus blieb ungeklärt - dafür wurde die Nähe zum schrillen Medienspektakel umso deutlicher.

Man habe, so der Veranstalter auf Nachfrage, in der Einladung durchaus absichtlich mit (dem Wort) Satan gespielt. Damit viele Gäste kommen, die nach Aufklärung verlangen? Wie teuflisch.

Dabei sollte die Kirche nicht vor dem jugendlichen Satanskult erschrecken, sondern noch stärker zum Thema machen, wie erschreckend es ist, dass bei uns Kinder und Jugendliche aufwachsen, die mit Ideen und Gefühlen wie Tod und Gewalt herumspielen. Mangels Perspektive? Oder gerade, weil nur die Jugend mit dem Tod spielen kann?

Vergänglichkeit, Tod und Gewalt - in der Jugend sind diese Themen naturgemäß weit weg. Und die Distanz erst ermöglicht das Spiel. Und so betrachtet könnte man sich auch fragen, weshalb eine verhältnismäßig geborgen und im Wohlstand lebende Jugend mit Tod und Schmerz spielt.

Ist es Zufall, dass viele Gothics - anders als die straffällig gewordenen Satanisten übrigens - Kinder des gesicherten Bürgertums sind? Kinder, die alles hatten: Nahrung, Kleidung, Wohnung, medizinische Versorgung, Unterhaltung, Freiheit, sogar Erfolg — nur keine Antworten. ULRIKE LÖW
8.7.2005
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