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03.02.2006
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Wird der Bachelor zum Psycho-Problem?

Beratungsstellen an den Hochschulen registrieren immer mehr Studenten mit Zeit-Stress
 Wird der Bachelor zum Psycho-Problem?
Zerbrechen von Freundschaften, Selbstzweifel, Sinnsuche — das sind Probleme, mit denen Studierende seit Generationen kämpfen. In letzter Zeit kommt ein neuer Aspekt dazu, so die Erfahrung von Mitarbeitern psychosozialer Beratungsstellen, die sich zu einer Tagung in Hannover trafen:

«Es kommen immer häufiger Studienanfänger zu uns in die Beratung, das gab es früher nicht», sagt Gabriele Lepper, die seit 20 Jahren als Beraterin bei der psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerks Braunschweig arbeitet.

Einen Grund dafür sieht sie in der Einführung der Bachelor-Studiengänge: Innerhalb von sechs Semestern muss ein genau vorgegebenes Programm erfüllt werden — was Studierenden, die nebenbei jobben, nur schwer möglich ist.

Dazu kommt: Nur die besten Absolventen haben die Möglichkeit, danach einen Master-Abschluss zu machen. «Viele leben in den ersten sechs Semestern in ständiger Unsicherheit, ob sie den nötigen Notenschnitt erreichen und danach weiter studieren dürfen. Und manche setzen sich enorm unter Druck, was zu Erschöpfungssyndromen führt. Auch das hat es früher kaum gegeben», so Lepper.

Hans-Werner Rückert, Leiter der psychologischen Beratung an der FU Berlin, beurteilt die Veränderungen nicht alle negativ. So komme ein Bachelor-Studium, in dem die Inhalte verbindlich festgelegt seien, vielen Studierenden entgegen.

Ihnen werde mehr Orientierung geboten, wenn zum Beispiel in der Germanistik mit einer Überblicksveranstaltung zur deutschen Literatur begonnen werde und nicht — wie früher üblich — mit einem Seminar etwa zu «Der Brief bei Novalis“.

Zudem werde die vielfach beklagte Anonymität an den Hochschulen abnehmen, da genau registriert werde, wer an der Lehrveranstaltung teilnimmt und auch die Leistungen ständig kontrolliert werden. «Dies führt aber zu einem permanenten Prüfungsdruck», so Rückert. Er ist skeptisch, ob unter diesen Bedingungen das vorgegebene Ziel erreicht wird, die Zahl der Abbrecher zu senken.

Die Studienabbrecherquote liegt derzeit an Universitäten bei 26 und an Fachhochschulen bei 22 Prozent. Dabei geben in den Sprach- und Kulturwissenschaften, in Wirtschaftswissenschaften, Informatik, Maschinenbau und Elektrotechnik besonders viele Studierende vorzeitig auf.

In einer Untersuchung der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) von 2000 wurden als häufigste Gründe finanzielle Probleme genannt, gefolgt von einer Neuorientierung der beruflichen Pläne und psychischen Schwierigkeiten.

Diplom-Studierende konnten noch eigene Schwerpunkte bilden und entscheiden, was ihnen wichtig ist. Die neuen Studiengänge bieten kaum Wahlmöglichkeiten — was die Persönlichkeitsentwicklung nicht gerade fördert. Die Befürchtung vieler Experten: Wenn etwas nicht nach Plan läuft, werden die heutigen Studienanfänger schneller aus der Bahn geworfen als früher üblich.

Nach einer HIS-Studie beginnen 40 Prozent der Studienberechtigten noch im selben Jahr ihres Schulabschlusses mit einem Studium — mehr als je zuvor. «Ich kann doch mit 20 nicht mehr das Studienfach wechseln, dann bin ich doch viel zu alt, wenn ich meinen Abschluss habe» — mit solchen Aussagen haben es die Berater immer häufiger zu tun.

Was tun? Bei der Tagung sollten die vielen professionellen Helfer und die wenigen Studierenden aufschreiben, wie ihrer Meinung nach die Hochschule der Zukunft aussieht, die psychisch gesunde Studienbedingungen bietet. Neben einem besseren Beratungsangebot, etwa in Form lebenspraktischer Kurse, und einer verbesserten Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden — hier wurde ein respektvollerer Umgang gefordert — spielte die Veränderung des Campus die größte Rolle.

Mehr Natur, schönere Räume, Entspannungs-Zonen, alles kleiner und übersichtlicher — die Studierende sollen sich wohlfühlen, dann gehe es ihnen besser, so die Überzeugung der Experten.

Dass diese Wünsche keine unerfüllbaren Träume bleiben, davon sind viele Berater überzeugt. Schließlich sollen bald Studiengebühren erhoben werden, und dann müssen die Hochschulen ihren «Kunden“ schließlich etwas bieten. Was aus denen wird, die sich das Studieren dann nicht mehr leisten können, darüber wurde bei der Tagung nicht gesprochen. JOACHIM GÖRES
3.2.2006
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