Hilfe für Blinde: Auf vielen unserer Seiten können Sie durch den Sprung zum ersten Anker die gesamte Navigation überspringen und so direkt zum Inhalt gelangen.
Logo - Zur Homepage der Nürnberger Nachrichten «Ich rebelliere vor allem gegen Blödsinn» nordbayern.de - Informationen und Nachrichten
E-Paper die elektronische ZeitungRund ums Zeitungs-AboAnzeigen lesenAnzeigen aufgebenZur Anzeigen-Preisliste
08.05.2007
CAMPUS-EXTRA  

«Ich rebelliere vor allem gegen Blödsinn»

Der Computer-Pionier Joseph Weizenbaum zu Gast beim Tag der Informatik in Erlangen
 «Ich rebelliere vor allem gegen Blödsinn»
Bitte Bild anklicken!
Ein ganz besonderer Gast beehrte den diesjährigen Tag der Informatik in Erlangen: Joseph Weizenbaum ist einer der bedeutendsten Computerpioniere - und zugleich ein streitbarer Kämpfer gegen den Machbarkeitswahn.

Es sind Sätze wie Peitschenhiebe, die der 83-Jährige ins Publikum knallt: «Die weit verbreitete Vorstellung, jeder Aspekt der Realität sei berechenbar, raubt dem Menschen seine Menschlichkeit». Bumm, das sitzt, das trifft wohl (fast) jeden (Informatiker) ins Mark.

Soeben ist ein 80-minütiger Dokumentar-Film über Joseph Weizenbaum gezeigt worden - über seine behütete Kindheit in einer wohlhabenden jüdischen Berliner Familie, über deren Emigration in die USA im Jahr 1936, über Weizenbaums Beteiligung an Rüstungsprojekte der Army, über seinen Aufstieg zum Professor am MIT (Massachusetts Institute of Technology) - und über seinen Wandel vom Pionier zum Kritiker der Computer-Technologie.

Den Film haben Peter Haas und Silvia Holzinger gedreht: «Wir sind keine Journalisten, wir haben einen künstlerischen Anspruch. Deshalb haben wir Joseph nicht gefragt, sondern ihn reden lassen». Und zu erzählen, oder besser: zu sagen, hat der alte Mann jede Menge.

«Nur das Leben ist Realität»

«Rebel at Work» heißt der Film, und von Weizenbaums Arbeit sieht man darin sehr viel. «Aber worin besteht Ihre Rebellion», wird er als Erstes gefragt. «Ich rebelliere vor allem gegen Blödsinn», antwortet Weizenbaum, ein sanftmütig wirkender kleiner Herr mit großem Schnauzer und langen grauen Haaren.

Zum Beispiel gegen das Thema einer Tagung, zu der er jüngst eingeladen war: «Ist das Universum ein Computer?» «Völlig blödsinnig», nennt er diese Fragestellung, «das habe ich auch denen auf dem Kongress so gesagt». Und dann kommt der eingangs zitierte Satz: «Viele glauben», sagt Weizenbaum weiter, «wenn wir etwas verstehen, dann können wir es auch programmieren. Und damit könnten wir auch alles auf dem Rechner simulieren. Aber damit schließen wir das Leben aus. Dabei ist das Leben doch die einzige Realität».

Ein ähnlich blödsinnige Frage: Was sollen Schüler am besten lernen, um gute Informatiker zu werden? «Auf keinen Fall Informatik», sagt Weizenbaum: «Die absolute Priorität von Schule muss es sein, jungen Menschen ihre eigene Sprache beizubringen. Nur wer klar und deutlich aussprechen kann, was er denkt, kann auch kritisch denken, lesen und hören. Und das ist das Wichtigste. In welchem Fach man diese Fähigkeit später anwendet, ist egal. Man braucht sie überall.»

Im Abspann des Films kleidet Weizenbaum eine Parabel auf unsere Gesellschaft und ihre Wissenschaft in die Durchsage eines Flugkapitäns an seine Passagiere: «Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die gute Nachricht: Wir haben Rückenwind und fliegen so schnell wie niemals zuvor. Die schlechte Nachricht lautet: Unsere Navigationsinstrumente sind ausgefallen und wir haben keine Ahnung, wo wir sind und wohin unsere Reise geht.» hlo

www.ilmarefilm.org
8.5.2007
Mehr vom aktuellen Tagesgeschehen lesen Sie in Ihrer Zeitung. Jetzt abonnieren Link auf ein externes Angebot
 
  © NÜRNBERGER NACHRICHTEN, HOCHSCHULE EXTRA